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Vertreibung
   
 

Vertreibung und Pommern
Die Provinz Pommern war im Gefolge des Zweiten Weltkrieges – beginnend mit der Besetzung durch die Rote Armee ab Ende Januar 1945 – wie andere Reichsprovinzen (Ostpreußen, Schlesien, Ost-Brandenburg und ein Zipfel Sachsens) sowie weiteren deutschen Siedlungsgebien außerhalb der Reichsgrenzen von 1937 (Sudendeutsche, Westpreußen, Banater Schwaben, Siebenbürgendeutsche u.a.) von der Vertreibung ihrer ansässigen deutschen Bevölkerung betroffen, d.h. von der gewaltsamen und unter Druck betriebenen dauerhaften Verbringung der Bevölkerung von ihren angestammten Heimatorten. Dies betrifft auch die Bevölkerungsteile, die vor Herannahen der Front in Richtung Westen geflüchtet sind, denn ihnen wurde nach Beendigung der Kampfhandlungen die Rückker verwehrt oder aber man schickte sie zurück, um sie von dort erneut zu vertreiben. Die Vertreibung war mit zahlreichen flankierenden Zwangsmaßnahmen verbunden, zunächst durch ungeheuere Brutalität der Roten Armee gegenüber der Zivilbevölkerung (Morde, Brandschatzung, Vergewaltigungen), später durch Drangsalierungen von der neu angesiedelten polnischen Bevölkerung und Verwaltung. Da Pommern zu vier Fünfteln unter polnische Verwaltung gestellt wurde, wurde dieses Gebiet entgegen dem Wortlaut des Potsdamer Abkommens (siehe unten) als zum polnischen Staat zugehörig betrachtet und die Bevölkerung (etwa 50 bis 60 Prozent der ursprünglichen Provinzbevölkerung) ohne jegliche völkerrechtliche Grundlage vertrieben. In Pommern lässt sich die Bevölkerungszahl des Vertreibungsgebietes im Gegensatz zum Gesamtkomplex der Vertreibung (Schätzungen zwischen 12 und 15 Millionen Deutsche) ziemlich genau ermitteln: Es sind etwa 1,89 Millionen, dem stehen verbliebene ca. 0,5 Millionen Einwohner in Vorpommern gegenüber. Man wird davon ausgehen müssen, dass etwa ein Fünftel der Vertriebenen die Flucht und Vertreibung bzw. die damit zusammenhängenden Umstände nicht überlebt hat, die Überlebenden waren schwer traumatisiert. Die häufigsten Todesursachen waren Gewalteinwirkung (Beschuss von Trecks, willkürliches Erschießen nach Einmarsch, Tod durch Deportation nach Russland, Hunger, Infektionskrankheiten, vor allem Typhus, Ruhr und Diphtherie usw.) Die Vertreibung der Bevölkerung aus Pommern (in oben umrissenem Umfang) ist in der pommerschen Geschichte beispiellos. Selbst der Dreißigjährige Krieg, der mit einer Teilung Pommerns unter zwei Mächte (Schweden und Preußen) endete, ging nicht mit einer Vertreibung der ansässigen Bevölkerung einher, auch erfolgte nicht etwa eine Zusiedlung aus Schweden.




 

Pommersche Kinder auf dem Bahnhof Berlin-Lankwitz.
Treck nach Beschuss
 
 
Die Vertreibung ist ein Verbrechen und wie andere Verbrechen ist die Vertreibung auch eine Nachahmungstat. Sie beinhaltet auch das Rachemoment, aber ihr liegen dennoch Ideen und Programme zugrunde, die nichts mit Rache – oft als „verständliche“ Folgereaktion hingestellt – zu tun haben. Diese Ideen zielen auf ethnisch reine Gebiete, für deren Durchsetzung letztlich nur ein gewonnener Krieg geeignet ist. Die Ideen sind nicht etwa eine reflexartige Reaktion auf ein im Krieg erlittenes Unrecht, sondern sie gehen einem Krieg weit voraus, sie sind geeignet, das mentale Vorfeld eines Krieges, speziell aber das Vorfeld für die physische Vertreibung zu schaffen. Ohne diese ideologische und mentale Vorbereitung ist eine Vertreibung auch im Gefolge eines gewonnenen Krieges gar nicht zu realisieren. Die Brutalität der deutschen Organe (Vertreibung von Polen aus dem Wartheland, planvolle Dezimierung der polnischen Intelligenz) wirkte sich sicher als Brandbeschleuniger für eine Lunte aus, die schon lange gelegt war. Ein Krieg an sich führt nicht zwangsläufig in die Vertreibung. Es hat in Europa zahlreiche, brutale Kriege gegeben, an deren Ende auch Gebietsveränderungen standen, jedoch ohne die Vertreibung der von diesen Gebietsveränderungen betroffenen Bevölkerungen. Anders sieht dies bei den nach Ende des Zweiten Weltkrieges unter polnische Verwaltung gestellten deutschen Ostprovinzen aus. Frühere bzw. vorausgehende Gebietsansprüche sind also eine Voraussetzung für eine spätere Besitzergreifung. Nach erfolgter Besitzergreifung stellt sich dann sofort die Frage, was man mit der ansässigen Bevölkerung macht – integrieren oder vertreiben – nach 1919 wurde von Polen beide Wege gleichzeitig gewählt. Gebietsansprüche auf die deutschen bzw. preußischen Ostprovinzen im Falle des Wiedererstehens eines polnischen Staates gab es bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei schaukelten sich die Ansprüche im Laufe der Zeit immer höher, zwar nicht sofort die gesamte Gesellschaft erfassend, aber sie waren virulent vorhanden und bei entsprechender Situation sofort abrufbar.




 
Roland Gehrke: Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates nach Endedes Ersten Weltkrieges, Marburg 2001
 
 
Es war nur natürlich und legitim, dass Polen nach der Aufteilung auf die Mächte Russland, Österreich-Ungarn und Preußen stets bemüht war, seine Staatlichkeit wiederzuerlangen. Verständlich auch, dass man nach einem Gebietsstand trachtete, wie er vor der Teilung bestanden hatte (Restitution). Dies allerdings schon musste Konflikte mit Preußen zur Folge haben, vor allem jene Gebiete betreffend, die außerhalb des 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gelegen haben. Und so konzentrierten sich zunächst auch polnische Anspruchsformulierungen auf diese Gebiete (Ostpreußen, Westpreußen, Danzig, Posen) plus Schlesien. Allerdings schon 1828 hatte der polnische Militär Ignacy Pradzinski in einer Denkschrift den Plan gehegt, Preußen im Zusammengehen mit Zar Alexander I. zu besiegen, so dass sämtliche Teile Preußens an Ostsee und Oder „Hauptgegenstand unserer strategischen Kombinationen und unserer Anstrengungen“ sein sollten, „die Besetzung des gesamten Landes zwischen dem Königreich Polen und OstseeS. 55, sei unabdingbar. Ludwik Bystrzonowski umriss 1836 in der in Paris ( im Hotel Lambert) erscheinenden polnischen Emigrantenzeitung Trzeci Maj die natürlichen Grenzen so: Ostsee im Norden, Dnepr im Osten, Schwarzes Meer im Süden und der Oderlauf im Westen. S. 58 Auch im Lager der „Polnischen Demokratischen Gesellschaft“ (TDP) sollte ein föderal verfasstes Polen 1864 „Von Meer zu Meer“ (od morza do morza) reichen. S.29 Dieser Anspruch war nicht neu, er wurde bereits 1807 von dem in Schneidemühl gebürtigen Stanislaw Staszic in seiner „Statistik Polens“ formuliert. S. 44
Eine noch – gerade in Bezug auf die spätere Vertreibung – gravierendere Meinung vertrat bereits 1808 der Reformpolitiker Hugo Kołłątaj, wenn er feststellte, dass das neue Polen an die Oder grenzen müsse, da diese Deutsche und Slawen teilt, und bei der Bemessung des staatlichen Territoriums darauf zu achten sei, dass der Regierende und der Regierte sich verstehen und ein und derselben Sprache bedienen müsse. Also hier schon eine klare Festlegung auf einen monoethnischen Staat. Kołłątaj gibt keine Antwort darauf, was mit denen passiert, die nicht die Sprache der Regierenden sprechen. Er selbst legt einfach fest, dass selbst die Preußen nicht Deutsch sprächen, sondern entweder Litauisch oder Polnisch. Ist erst einmal das Ziel der sprachlichen und dann auch ethnischen Reinheit formuliert, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Vertreibung, wenn man diese Einheit anders nicht herstellen kann.Diese Genealogie der Westidee gipfelt dann bereits schon 1899 in eine Radikalität, die man, ins Deutsche übertragen, in der Wortwahl der NS-Ideologie zugeschrieben hätte. Jan Ludwik Popławski erhebt im Przegląd Wszechpolski eine Kampfansage an alle Deutschen, die es in sich hat:
"..: nicht mit einzelnen Parteien, sondern mit der ganzen deutschen Gesellschaft müssen wir den Kampf führen auf Leben und Tod, in dem die stärkere Seite keine Skrupel kennt und die schwächere sogar in ihrer legalen Tätigkeit behindert wird. Die vitalsten Interessen beider Völker stehen in ihm auf dem Spiel" S.203 – Zwei Jahre später äußerte er im gleichen Organ: „Das Land zwischen Oder und Dniepr, zwischen Ostsee, Karparten und Schwarzem Meer bildet eine eigene, organische Einheit, zusammengefügt durch die Gesamtheit territorialer Gegebenheiten, ökonomischer Interessen und nicht zuletzt historischer Traditionen.S.195 – Der britische Autor Brian Porter führte Przegląd Wszechpolski in seiner Analyse mit dem Titel: „When the Nationalism Began to Hate“ (Als der Nationalismus begann zu hassen) sicher nicht zu Unrecht an.
Alle diese polnischen Thesen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts waren gewissermaßen die Pflöcke, innerhalb derer sich die Diskussion fortsetzte. Mit der staatlichen Wiedergeburt nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde dann ein so massiver Druck auf die in den größeren Städten zumeist mehrheitlich lebenden Deutschen ausgeübt, dass 1,5 Millionen Deutsche sich gezwungen sahen, ihre Heimat (Westpreußen, Posen, Ost-Oberschlesien) zu verlassen, ein großer Teil der in Westpreußen und Posen lebenden Deutschen in Richtung Pommern, wo zahlreiche Siedlungen aus dem Boden gestampft werden mussten. Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia stuft diesen Vorgang durchaus mit Berechtigung unter „Vertreibung“ ein. Von polnischer Seite wird in diesem Zusammenhang auf den vorausgehenden Ausweisungsdruck gegenüber den Polen in dem an Preußen gelangten Teil Polens verwiesen. Diesen hat es tatsächlich gegeben, er betraf aber nur die aus Russisch-Polen zugewanderten Polen, was natürlich nichts daran ändert, dass auch dies einem Selbstbestimmungsrecht der Polen entgegensteht.




 
Stanisław Staszic

Hugo Kołłątaj

Als der Nationalismus begann zu hassen
Brian Porter
 
Waren, was die konkreten polnischen Ansprüche auf deutsche Ostgebiete angeht, diese zunächst auf jene Gebiete konzentriert, die außerhalb des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation lagen plus Schlesien (auch Niederschlesien), aber ansonsten allgemein gehalten („bis zur Oder“, „bis zur Ostsee“), so wurden gegen Ende des Ersten Weltkrieges auch die Ansprüche auf den größten Teil Pommerns – seit 1232 in das Heilige Römische Reich integriert – sehr konkret. Es war der Arzt und Journalist Bolesław Jakmiak, der im Frühjahr 1917 in Moskau (!) ein Programm entwarf, das 1918 unter dem Titel „Die Westgrenze Polens“ der polnischen Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Jakmiak zog die Grenze die Oder hinauf bis zur Swinemündung, östlich davon war nach seiner Vorstellung Polen (also auch die Insel Wollin), westlich davon Deutschland (auch Stettin). Es scheint, als hätte – was den Grenzverlauf betrifft – Jakmiak schon damals den Protokolltext für die Potsdamer Konferenz (siehe unten) vorgegeben, denn auch danach würde Stettin weiterhin zu Deutschland gehören (allerdings – im Unterschied zu Jakmiak – Swinemünde nicht).
Die Hinzunahme Pommerns zu Polen begründet Jakmiak sogar vordergründig ethnisch! So zeige die geringe Bevölkerungsdichte der preußischen Provinz Pommern, dass eine massenhafte Besiedlung gar nicht stattgefunden habe und folglich die dortige Bevölkerung eine alteingesessene, eine „pomoranisch-polnische“ sei. Was Jakmiak aus seiner abstrusen Konstruktion ableitet, ist dann noch abenteuerlicher:
Ich bin überzeugt, dass die ethnographisch slawische, aber eingedeutschte Bevölkerung unter günstigen Bedingungen, gestützt auf ein starkes slawisches Umfeld, leicht zur slawischen Familie zurückkehren könnteS. 285 – Hat man sich erst einmal so in wirklichkeitsfremden Konstruktionen verrannt, dann ist die Frage zu stellen, welche Schlussfolgerungen Jakmiak in seiner Enttäuschung aus der Uneinsichtigkeit der Pommern abgeleitet hätte? Doch wohl die, dass sie dann gehen müssten, so wie es nach der Veröffentlichung mit den Deutschen aus Westpreußen und Posen real geschehen ist.
Der Status der Entwicklung des polnischen Westgedankens vom 19. Jahrhundert bis zu zum Ersten Weltkrieg zeigt den klaren Befund, dass bereits vor Ausbruch dieses Krieges alle ideologischen und mentalen Voraussetzungen für eine Vertreibung vorhanden waren, um bei einer Besitzerlangung preußischer bzw. deutscher Ostprovinzen die ansässige und sich nicht zum Slawen- bzw. Polentum bekennende Bevölkerung zu vertreiben. Dies ist dann auch für die Zeit vor dem Ausbruch des folgenden, des Zweiten Weltkrieges durch Schriftzeugnisse zu belegen. Was die Ausdehnungsvorstellungen angeht, wird noch einmal zugelegt. In dem Buch von Josef Kisielewski „Die Erde bewahrt das Vergangene“ wird mit dem Zitat eines Gedichtes von Adam Naruszewicz der Zielhorizont erweitert: „Wir waren an der Elbe, man hat uns hinter die Oder gedrücktS.8 Im Blick auf den auch von Polen erwarteten Krieg schreibt Kisielweski 1939: „Günstige Winde der Geschichte beginnen unsere Segel zu blasen [...] Es ist ein ungewöhnlicher Augenblick gekommen, der für ein Volk günstig ist, das durch seine Tapferkeit, seine Arbeit, seinen Mut fähig ist, sich eine unerschütterliche Macht zu schaffen. [...] Es handelt sich nur darum, dass diese Gelegenheit nicht verpasst wird.“ – Das Buch erschien in Posen unmittelbar vor Ausbruch des Krieges!
Wie solche Sprache der polnischen Intellektuellen sich auf der Ebene des Volkes ausnimmt, ist am Text eines Flugblattes des Vorbereitungsausschusses der Grunwald-Feier 1939 (Andenken an die Schlacht bei Tannenberg 1410) zu ersehen: „Wir werden zurücknehmen, was uns der Deutsche weggenommen hat an Elbe, Oder und Weichsel.
So weit also die Formulierung von polnischen Territorialansprüchen unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg. Überaus bedeutsam, was eine Vertreibung von Deutschen aus den mit Gewalt zu erwerbenden Territorien angeht, ist der Klartext des Thorner Blattes Słowo Pomorskie: „Deshalb sagen wir Polen heute ganz deutlich: Geht dahin zurück, woher Ihr gekommen seid! Auf Schubkarren, die von Hunden gezogen wurden, kamt Ihr angekarrt. Ihr brachtet nur schlechtes Unterbett mit. Mit einem solchen könnt Ihr wieder losziehen.S. 9 Dies ist faktisch die verbale Antizipation der sechs Jahre später tatsächlich erfolgten Vertreibung. Dazu bedurfte es also der Kriegsgeschehnisse nicht, die folgten dann bald mit schrecklichen Taten von Deutschen, z.B. mit der physischen Vernichtung, also Ermordung der polnischen Elite, aber auch mit Verbrechen von Polen wie z.B. die bis dahin unvorstellbaren Pogrome an der deutschen Minderheit im Bromberger Gebiet (der sogenannte Bromberger Blutsonntag) unmittelbar nach Kriegsausbruch.




 
Polnisches Jubelplakat von 1931 über den massiven Rückgang der deutschen Be-völkerung in den Städten Hohensalza, Bromberg, Gnesen, Posen und Thorn.

Wiedergabe einer Postkarte, die von der Vereinigung der polnischen Volksbüchereien herausgegeben wurde. Sieträgt umseitig den Stempel Inowroclaw vom 31. Juni 1939; unten Ausschnitt


 
 
Für die Idee, die Deutschen aus ihrer Heimat zu vertreiben, waren Präzedenzfälle keine zwangsläufige Voraussetzung, aber diese erleichterten die internationale Rechtfertigung eines solchen Gedankens und diese Präzedenzfälle gab es: die Deportation der Armenier durch Türken und der „Bevölkerungsaustausch“ zwischenGriechenland und der Türkei. Letzteres zwischen beiden Staaten im Vertrag von Lausanne besiegelt.
Gerade dieser Fall war dann später auch für den US-Präsidenten Roosevelt ein entscheidendes Argument, sich auf der Konferenz von Jalta mit einer von Stalin ins Spiel gebrachten „Umsiedlung“ von Deutschen aus jenem Gebiet, abzufinden, über das man sich schon auf der Teheran-Konferenz geeinigt hatte, dass es von Deutschland an Polen übergeben werden soll. Premier Churchill verdeutlichte in Teheran die Westverschiebung Polens zugunsten Russlands und zu Lasten Deutschlands mit dem legendär gewordenen Verschieben von Streichhölzern, worüber sich Stalin amüsiert haben soll.




 
Churchill, Roosevelt und Stalin (v.l.) auf der Konferenzvon Jalta.
 
 
Auf der Potsdamer Konferenz der drei Sieger Russland, Großbritannien und USA wurde dann das fixiert, auf das sich Stalin bei der Vertreibung berufen konnte und worüber eigentlich auch schon in Jalta eine grobe Einigung erzielt wurde. Die Westalliierten haben sich hinter für diese dem Völkerrecht Hohn sprechende Abmachung entschuldigt, dass ihnen unter den Bedingungen gar nichts anderes übrig geblieben sei. Der Text, der die Vertreibung legitimieren soll, ist allerdings so gefasst, dass er die Vertreibung von Deutschen aus den zum Deutschen Reich gehörenden Gebieten nicht her gibt. So lautet der betreffende Abschnitt XIII:
Die Konferenz erzielte folgendes Abkommen über die Ausweisung Deutscher aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn: Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, dass die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muss. Sie stimmen darin überein, dass jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll.
Es sollen also die Deutschen aus „Polen“ ausgewiesen werden, aber die Grenzen Polens sind noch gar nicht festgelegt, sondern sollten ja einer nachfolgenden Friedenskonferenz vorbehalten sein. Folglich wäre dieser Text nur die Grundlage für ein Polen vor Kriegsbeginn. – Es ist jedoch ohnehin müßig, hier eine Willkür gegen eine andere Willkür zu stellen, es bleibt alles reine, auch durch das damalige Völkerrecht nicht gedeckte Willkür (siehe dazu die Thesen des US-amerikanischen Wissenschaftlers Alfred de Zayas).




Dass Sowjets und Polen eine Potsdamer Legitimation für ihre Grenzziehung und das damit umsteckte Vertreibungsgebiet nicht wirklich brauchten, ist an der Gebietserweiterung für Polen über den Wortlaut des Potsdamer Protokolls hinaus erkennbar.
Dort heißt es noch in Abschnitt IX: „Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, dass bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft [...] unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland betrachtet werden sollen..." S.118
Dennoch wurde entgegen diesem Wortlaut Stettin und ein breiter Streifen westlich davon, einschließlich des Städtchens Neuwarp am Warper See (Ausbuchtung des Stettiner Haffs), auf der Grundlage sowjetisch-polnischer Verhandlungen, die in die sogenannte Schweriner Grenzvereinbarung vom 21. September 1945 mündeten, Polen unterstellt. Der in Heidelberg geborene polnische Verhandlungspartner Piotr Zaremba versuchte in den dazu in Greifswald vorangehenden Verhandlungen mit der Sowjetischen Militäradministration noch ganz Usedom unter polnische Kontrolle zu bringen, was jedoch hier an einem entschlossenen Njet der Sowjets scheiterte.
Polen versuchte schon vorher, vollendete Tatsachen zu schaffen. So ist noch ein Telegramm vom 4. September 1945 erhalten, in welchem des Landratsamt Randow aus Pölitz (auch westlich der Oder) einen Hilferuf in Richtung Schwerin ergehen lässt wegen Besetzung seiner Räume durch polnische Bürger. Hier ging Zarembas Taktik der vollendeten Tatsachen auf. S. 118 f




 
Konspirative Karte des Westinstituts Posens aus dem Jahre 1944, entnommen aus dem untenstehenden Buch von dem untenstehenden Buch von Bernd Aischmann. Die polnische Grenze verläuft hier bei Rostock!
Das Buch von Bernd Aischmann bringt mit dem Blick in Archive und andere Quellen Polens und in Mecklenburg-Vorpommerns eine Reihe bis dahin unbekannter Fakten zur √úbergabe von Stettin und dem Umland durch die Sowjetadministration an Volkspolen.
 
 


 
 
Wenn die Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostprovinzen (so auch Pommern) als alleinige Folge des Zweiten Weltkrieges dargestellt wird, so ist das in der Sache eine unzulässige Verkürzung, die Faktenlage ist eine andere, nämlich dass alle ideellen Komponenten für diese Vertreibung bereits vor dem Krieg vorhanden waren. Allerdings machte der Angriffskrieg Deutschlands die Verwirklichung der alten polnischen Wunschträume erst möglich. Der Zweite Weltkrieg war also nicht die Ursache der Vertreibung, sondern er ermöglichte die Durchsetzung alter, längst konkret formulierter Ziele.
Es bleibt unbestritten, dass in diesem Krieg von Deutschen ungeheuere Verbrechen begangen worden sind, darunter auch die Vertreibung von Polen aus dem Wartheland (1940). Es sollte aber auch unbestritten sein, dass ein Verbrechen nie ein anderes Verbrechen rechtfertigen kann. Wer es dennoch tut,verlängert das Unrecht und behindert den Neuanfang zwischen den Völkern. Deshalb hat die Pommersche Landsmannschaft im Manifest der Pommern 1973 u.a. folgendes Bekenntnis abgegeben: „Wir Pommern wissen, daß dem polnischen und dem deutschen Volke nicht vergessenes Unrecht zugefügt worden ist. Wir wissen aber auch, daß nicht das Verharren in der Erinnerung an Leid und Unrecht den Weg in eine bessere Zukunft ebnet, sondern der gemeinsame Wille, das Recht zu achten und so künftige Aufgaben zu meistern.“

Zu der Literatur mit hochgestellten Seitenzahlen (S.):
Schwarz: Zitiert aus: Roland Gehrke, Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates nach Ende des Ersten Weltkrieges“; Marburg 2001.
Grün: Wolfgang Wagner, „Die Entstehung der Oder-Neisse-Linie“; Stuttgart 1959
Orange: Bernd Aischmann, Mecklenburg-Vorpommern, die Stadt Stettin ausgenommen; Schwerin 2008